Vom Hochzeitstisch zur Geschenkeliste im Internet (2)

Der Hochzeitstisch

Auch wenn heute der Hochzeitstisch oft als Synonym für alle weiteren Variationen des hochzeitlichen Wunschzettels steht, so war es zumindest ursprünglich tatsächlich ein Tisch.

In Deutschland machten Hochzeitstische den Anfang. So nannte man die Möbel, auf denen ein beflissener Ladeninhaber die Waren auftürmte, welche bspw. von einem Brautpaar bei der gemeinsamen Bege­hung seines Etablissements als geschenktauglich ausgesucht wurden. Bis zum Tag der Trauung hatten nun Angehörige und Freunde des Paares Zeit, sich vom Hochzeitstisch das zu ihnen oder ihrem Geldbeutel passende auszusuchen und zu kaufen.

Das war zu den Zeiten, als Heiraten auch mit erstmaliger Gründung eines Hausstands einherging. Da gab es brautseits möglicherweise noch eine Aussteuer, die seltener aus Vermögenswerten und öfters aus textilen Preziosen und dem Silberbesteck der Großeltern bestand, für den täglichen Betrieb des Ehedaseins fehlte es aber fast immer an Brauchbarem und Nützlichem. Der Haushaltswarenfachhandel war nun der Ort, der das Rüstzeug für Küche und Esstisch beschaffen konnte. Und da machte man also seinen Hochzeitstisch.

Gedeckter Hochzeitstisch

Frisch eingedeckter Hochzeitstisch: die gesammelten Wünsche des Brautpaars

Wer als potenzieller Schenker in Frage kam, den schickte man dorthin, und die Leute kauften die Sachen vom Tisch weg. Alle Beteiligten konnten direkt sehen, was noch zur Verfügung stand, und wer zuletzt kam, musste in den sauren Apfel beißen und das kaufen, was halt noch da stand. Wenn es sich um eine Scheußlichkeit handelte, war sie zumindestens gewünscht, und darum ging es ja.

Größere Händler hatten ganze Räume nur für Hochzeitstische. Für die Schenker war das sicherlich sehr aufschlussreich: man konnte schnell einschätzen, ob es ein vergleichsweise großes Fest werden würde oder eher „im kleinen Kreis“, ob da eine stilsichere Hand am Werk war oder ein geschmackliches Chaos drohte. Für Leute mit Hang zu sozialen Studien sicher eine Offenbarung, für das Brautpaar je nach dem eine unfreiwillige Präsentation von Teilen des privaten Bereichs.

Für lange Zeit hatte der Hochzeitstisch klare Vorteile: Dem Händler bot er die Chance, mehr Ware zu präsentieren, als er auf den regulären Verkaufsflächen unterbringen konnte, und in seiner Funktion als Geschenkeauswahl machte er nahezu keine Arbeit außer der des Aufbaus. Er war immer auf dem Stand der Dinge, weil es keine Notwendigkeit der Aktualisierung gab. Was verkauft wurde, verschwand einfach vom Tisch.

So wie sich damals Wünsche mehr an den Notwendigkeiten orientierten als an Erlebniswelten, waren die Menschen noch nicht globalisiert, sondern regional verbunden. Freunde und Verwandte wohnten überwiegend in erreichbarer Nähe, und denen machte es Freude, in die Stadt zu gehen, um einzukaufen. Aber da gab es auch noch Parkplätze auf der Straße und keine Parkraumbewirtschaftung, und es war eine Lust, auf den Einkaufsstraßen zu flanieren. Damals!

Aber auch die guten alten Zeiten sind einmal vorüber, und für manchen wurde der stationäre Charakter des Hochzeitstischs zum Zeit- oder Streckenproblem, weil man zu dem nämlich hinmusste und der nicht zum Schenker kam. Nicht zuletzt deshalb erfand der Handel die Hochzeitsliste.

Weiter geht es mit Teil 3: Die Hochzeitsliste

Text: Harald Stuckmann

Fotoquelle: Linda Henn/fotolia

 

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